Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 04.03.2009

Wohnungsloser: "Ich war am tiefsten Rande"

Beispiel für ein Lebensschicksal und wie die Caritas hilft

„Schenken Sie Geborgenheit.“ Unter dieses Motto hat der Caritasverband für die Diözese Eichstätt seine Frühjahrssammlung gestellt. Dieses Jahr will die Caritas in ganz Deutschland vor allem „Menschen am Rande unserer Gesellschaft“ in den Blickpunkt stellen – ihre Schicksale und wie sie ihnen hilft: zum Beispiel wohnungslosen Menschen. „Ich war am tiefsten Rande“, erzählt der 57-jährige Manfred S., der seit April 2008 im Caritas-Wohnheim St. Alfons in Ingolstadt betreut wird.

Menschen, die resigniert sind und irgendwann aufgegeben haben

Manfred S. lebte lange Zeit in geordneten Verhältnissen, nie auf der Straße als klassischer „Nichtsesshafter“, wie dies heutzutage nach Schätzung der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Wohnungslosenhilfe rund 18.000 Menschen tun. Er gehört zu jenen allein stehenden Wohnungslosen, die beispielsweise in Notunterkünften, zugewiesenen Wohnungen ohne Mietvertrag, bei Bekannten oder eben in Wohnheimen zur Therapie untergebracht sind. Die Anzahl solcher Wohnungsloser ist laut BAG in Deutschland von 129.000 in 2005 auf 132.000 in 2006 gestiegen. Auch in die Caritas-Wohnheime in Ingolstadt kommen solche Wohnungslose mittlerweile vermehrt, während die Zahl der klassischen Nichtsesshaften dort zurückgegangen ist. „Es sind Menschen, die schlichtweg nicht mehr in der Lage sind, die Anforderungen des alltäglichen Lebens zu stemmen, die resigniert sind und irgendwann aufgeben haben“, beschreibt sie Sozialpädagogin Mathilde Funk, die in St. Alfons solche Menschen betreut. Menschen, die berufliche wie private Schicksalsschläge an den Rand drängten. So wie Manfred S.

Der aus der Opferpfalz stammende Mann war 13 Jahre lang Bus- und LKW-Fahrer. „Dieser Job brannte ihn körperlich wie psychisch aus“, erklärt Mathilde Funk, die sich auch Manfred S. angenommen hat. Seine Ehe, aus der ein Sohn hervorging, zerbrach: „Ich war ja ständig von zu Hause weg“, begründet er selbst. Er machte sich mit einer Kneipe selbstständig, die er allerdings nur rund zwei Jahre lang unterhalten konnte. Anschließend versuchte es der „alte Autobastler“ bei einer Autofirma, musste dies aber aufgrund gesundheitlicher Beschwerden – vor allem Bandscheiben- und Knieproblemen – aufgeben. Seit rund sieben Jahren ist er nun arbeitslos.

Manfred S. wohnte vier Jahre lang mit einer Lebensgefährtin zusammen. Aufgrund einer heftigen Auseinandersetzung verließ er Ende 2007 die gemeinsame Wohnung. Er suchte Unterschlupf bei einem Freund, fühlte sich jedoch von diesem ausgenutzt. Manfred S. hatte das Gefühl, alles verloren zu haben.  „Er fiel in eine Depression und kümmerte sich nicht mehr um seine persönlichen Belange. Er aß kaum noch und wurde Ende 2007 in eine stationäre psychiatrische Behandlung überführt“, berichtet Mathilde Funk. Kurze Zeit später wurde er zu allem Übel wegen Fahrens ohne Führerschein zwei Monate lang in der Justizvollzugsanstalt Ingolstadt inhaftiert. Deren Sozialdienst überwies ihn anschließend ins Caritas-Wohnheim. „Haftentlassen, wohnungslos, ohne soziale Anbindung, ohne gesicherte materielle Grundlage, langzeitarbeitslos, überschuldet und psychisch instabil“: Mit diesen Schlagwörtern beschreibt Mathilde Funk die Situation von Manfred S. bei seiner Aufnahme im April 2008.

Seitdem hat dieser einen geregelten Tagesablauf. Anfangs brachte er innerhalb seiner Arbeitstherapie in der einrichtungseigenen KFZ-Werkstatt seine Kenntnisse ein. Wegen seiner Bandscheibenprobleme musste er allerdings auch dort aufhören. Derzeit beteiligt er sich an Montagearbeiten, verpackt zum Beispiel Glühbirnen und sortiert Plastikteile. Sobald das Wetter es zulässt, will er im Hof und Garten des Wohnheims mithelfen. Mit der Hilfe von Mathilde Funk strebt er an, eine Erwerbsminderungsrente zu bekommen. Das ist erst einmal abgelehnt worden, doch Manfred S. ist in Widerspruch gegangen. Denn für ihn wie für seine Betreuerin ist klar, dass er keiner geregelten Arbeit mehr nachgehen kann. Er wünscht sich, „dass mein Leben so weitergeht, wie es jetzt ist“. Auch wenn die Betreuungsgespräche mit Mathilde Funk nicht immer ohne Reibungspunkte verlaufen, weiß er, dass er ihr zum Großteil seine Wende zum Besseren verdankt: „Mit ihr kann ich über Gott und die Welt reden. So eine Person habe ich lange Zeit vermisst“, beschreibt er an seiner eigenen Person ein Beispiel, wie in einer Caritaseinrichtung das Sammlungsmotto „Schenken Sie Geborgenheit.“ verwirklicht wird.

Größtes Ziel: wieder in eine eigene Wohnung ziehen   

Die Caritasbetreuerin sieht ihn unterdessen „nach langer Zeit endlich wieder zur Ruhe gekommen. Er konnte Druck und Belastung abbauen und hat nun wieder einen klareren Blick auf seine Lebensumstände und Ziele.“ Größtes Ziel ist, dass der Wohnungslose wieder in eine eigene Wohnung ziehen und sein Leben erneut eigenständig bewältigen kann. Mathilde Funk ist zuversichtlich, dass er das schafft: „Die Schwierigkeiten der letzten Jahre haben ihn gezeichnet, aber er macht den Eindruck, nun gestärkt und mit neuem Mut daraus hervorzugehen.“

Als weiteres Ziel hat er, sich später einmal selbst sozial für andere Menschen am Rande zu engagieren. „Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, Essen in einer Tafel auszugeben oder aber anderen Wohnungslosen aus meiner eigenen Erfahrung heraus zu helfen“, sagt Manfred S.. Mathilde Funk sieht ab und zu für ein solches Engagement jetzt schon Anzeichen: „Den einen oder anderen Mitbewohner ermutigt er hin und wieder, indem er zum Beispiel sagt: Jetzt geh’ doch endlich mal zum Arzt.“ Und in einer Musikgruppe will Manfred S. auch in Zukunft spielen: nicht nur, weil er ein „alter Schlagzeuger“ ist, sondern auch, um auf diese Weise soziale Kontakte zu anderen zu wahren. Derzeit ist er an verschiedenen Perkussioninstrumenten in der Wohnheimband INCARIWO aktiv.

 

                                                                                                                      Peter Esser

 

 

Nicht immer ohne Reibungspunkte verlaufen Betreuungsgespräche zwischen Caritas-Sozialpädagogin Mathilde Funk und Manfred S., doch ihr verdankt er zum Großteil seine Wende zum Besseren. Foto: Caritas/Esser

 

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