Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 13.03.2009

Vom Experiment zur Normalität und Selbstverständlichkeit

Seit zehn Jahren im Caritas-Wohnheim Betreute und Mieter unter einem Dach

Im Südteil des Gebäudes leben Menschen, die zum Beispiel wohnungslos, strafentlassen , suchtkrank oder  psychisch krank sind und der besonderen therapeutischen Hilfe bedürfen. Im Nordteil unter einem Dach mit ihnen und mit einem gemeinsamen Treppenhaus wohnen ganz normale Mieter. Kann das gut gehen? Im Caritas-Wohnheim St. Alfons in Ingolstadt wurde dieses Experiment vor genau zehn Jahren gestartet – soweit dort bekannt im stationären sozialpädagogischen Hilfebereich als etwas Einzigartiges in Deutschland. „In den ersten Jahren lebten wir von der Hoffnung, dass das funktioniert. Inzwischen ist das Normalität bei uns und daher weitgehend eine Selbstverständlichkeit“, freut sich Diplom-Pädagoge Heinz Köhler, der in dem Caritashaus arbeitet.
Als die letzten Patres der Redemptoristen 1999 aus dem Nordflügel des Hauses auszogen, hätte es nahegelegen , diesen genauso wie den Südteil für Leute zu nutzen, die aus verschiedenen Gründen besondere soziale Probleme haben. "Doch wir wollten keine weitere Verdichtung von Problemfällen, sondern zum Teil das ganz normale Leben in die Einrichtung hereinholen: keine Ghettosituation schaffen, sondern ein Stück weit Gemeinwesenarbeit machen", erläutert Köhler. Also wurden 16 ganz normale auf dem freien Wohnungsmarkt vermietbare Apartments eingerichtet. Die Mieterinnen und Mieter sind zum Großteil höheren Alters, aber auch Studenten und arbeitende Leute nutzen die Apartments. Diese sind laut Wohnheimleiter Peter Durm alle belegt. Längere Ausfallzeiten habe es in den zehn Jahren nie gegeben. Ältere Leute wie etwa die 78-jährige Edeltraut K. oder die bereits 91-jährige Margarete G. schätzen vor allem die ruhige Wohnlage sowie, dass sie die Möglichkeit haben, das Caritas-Restaurant im selben Haus zu besuchen – auch wenn sie sich derzeit noch selbst kochen. Andere wie der 65-jährige Wolfgang B. gehen jetzt schon immer wieder einmal in das Restaurant, weil sie den Kontakt mit anderen suchen: „Der Mensch braucht den Menschen“, bringt er es auf den Punkt. Die 88-jährige Maria S. ist froh, dass auf Wunsch im Haus auch die eigene Wäsche gewaschen, getrocknet und gebügelt wird. „Durch den ständigen Kontakt, den man hier hat, wirken wir einer Anonymität entgegen. Dass hier mal jemand stirbt und man bekommt es nicht mit, das ist nahezu ausgeschlossen“, beschreibt Durm ein wesentliches Anliegen im Haus.
Doch funktioniert das auch im Umgang mit therapiebedürftigen Menschen? Viele Außenstehende reagierten vor allem in den ersten Jahren dementsprechend misstrauisch, wenn sie von den Mietapartmentbewohnern hörten, dass sie dort wohnen. "Was, in die Telemannstraße 8 wollen Sie?", wurde die heute 62-jährige Evelyn G. beispielsweise von einem   Taxifahrer ungläubig gefragt. Sie war seinerzeit als erste Bewohnerin eingezogen. "Das liegt hier zentral und außerdem im Grünen", war sie von Anfang an von den praktischen Vorteilen der Wohnlage überzeugt. Doch die für viele nicht vorstellbare Kombination "Wohnungslosenhilfe und Mietapartments unter einem Dach" eröffnete Evelyn G. sogar ungeahnte wertvolle persönliche Lebenserfahrungen. Als ehrenamtliche Hospizhelferin kümmerte sie sich einmal eine Zeit lang um einen sterbenden Heimbewohner, der keinen Kontakt mehr zu seinen Angehörigen hatte: "Der war so ergeben und bescheiden, dass mich dieser Fall wirklich sehr berührt hat", erzählt sie. Evelyn G. begleitete den Mann zunächst im Caritas-Wohnheim und später auch noch in der Klinik.  
Auch die 83-jährige Maria S. hörte früher öfter mal: "Wollen Sie ins Männerwohnheim ziehen?" Längst hat Maria S. diese Männer – die den Großteil der dort Hilfe suchenden Menschen ausmachen – als freundliche Nachbarn kennen gelernt. Gelegentlich durch ganz praktische Hilfe: "Einer hat mir einmal ein Medikamentenglas aufgemacht, das ich selbst nicht aufbekam. Ein anderer ist dem Postboten mal für mich nachgelaufen, den ich selbst nicht mehr erreichte.“ Die 85-jährige Barbara W. ist froh, wenn ihr ein Betreuter wie etwa Heinz-Peter S. gelegentlich die Einkaufstasche abnimmt und die Etagentür öffnet. Alle Mieter schätzen zudem, dass die Betreuten des Wohnheims den Rasen der Einrichtung mähen, Blumen gießen und im Winter Schnee räumen und, so Evelyn G., „so ein schönes Umfeld für uns schaffen“.
Betreute selbst freuen sich, auch Kontakt zu anderen Menschen als solchen zu haben, die aufgrund einer schweren Lebenslage im Haus betreut werden. Zu einem jungen Mieter hat Heinz-Peter S. gar so einen engen Kontakt, dass er mit ihm öfter Kaffee trinkt oder auch schon mal zu einer Messe fährt. „Mit dem kann ich dann auch über Banken und Finanzkrise sprechen. Das ist dann mal was anderes, als wie der Schweinebraten geschmeckt hat“, beschreibt der Betreute, wie er im Wohnheim vom Leben unter einem Dach mit Mietern profitiert.  

 

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