Diözesan-Caritasverband Eichstätt, 29.05.2015

Erste ABMlerin nutzte ihre Chance

30 Jahre Kooperation von Caritas-Wohnheimen und Werkstätten mit Arbeitsverwaltung

In diesem Frühjahr vor genau 30 Jahren schlossen die Caritas-Wohnheime und Werkstätten Ingolstadt die erste Vereinbarung mit dem Arbeitsamt ab, arbeitslose Menschen öffentlich gefördert zu beschäftigen – seinerzeit durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Für die Einrichtung war dieser Schritt ein Meilenstein: Sie weitete so ihre soziale Eingliederungshilfe wesentlich aus, indem sie nicht mehr nur Arbeitstherapien für Menschen mit sozialen Problemen in ihren eigenen Wohnheimen anbot, sondern auch Beschäftigungen für  langzeitarbeitslose Menschen allgemein. Die erste ABMlerin in der Einrichtung war 1986 Elfriede Steindle. Die heute 64-Jährige qualifizierte sich mit der ABM, um dort bis heute als Verwaltungsangestellte zu arbeiten. Am 1. August geht sie in Rente.

Bis 1984 war die Arbeitswelt für Elfriede Steindle in Ordnung. Die gebürtige Pappenheimerin absolvierte bei einem Autohaus in Weißenburg eine Ausbildung zur Großhandelskauffrau und war nach einem Umzug nach Ingolstadt viele Jahre bis zur Geburt ihres Sohnes bei einem anderen Fahrzeughändler beschäftigt. 1974 begann sie eine neue Arbeit bei einem großen Getränkeunternehmen, dessen Standort jedoch zehn Jahre später aufgelöst wurde. Daraufhin war Frau Steindle 15 Monate lang arbeitslos. Rund 40 Bewerbungen blieben ohne Erfolg – und damit gewisse Selbstzweifel und Frustrationen nicht aus. Dann vermittelte sie ein Berater des Arbeitsamtes in eine ABM im Eingliederungsheim Ingolstadt, die heutigen Caritas-Wohnheime und Werkstätten. Seinerzeit wurde gerade die Buchhaltung in der Einrichtung computergestützt neu aufgebaut. „Da ich schon immer gerne mit Zahlen gearbeitet habe, fiel mir vieles leicht, und das hat mir viel Spaß gemacht“, so die Caritasmitarbeiterin.

Festanstellung als „Lichtblick“

Drei Jahre lang wirkte sie als ABMlerin an Abrechnungen für die Klienten mit dem Bezirk Oberbayern, Rechnungsstellungen für die Werkstätten und Verbuchungen von sämtlichen Einnahmen und Ausgaben mit. Dass ihr der frühere Einrichtungsleiter Anton Frank dann anbot, als reguläre Angestellte weiterzuarbeiten, sah sie natürlich als Bestätigung und erfüllte sie mit großer Freude: „Die Festanstellung war für mich als noch junge Frau ein Lichtblick für die Zukunft und eine große Chance.“ Auch ihr Arbeitsspektrum erweiterte sich dadurch. Zu diesem gehörten nun auch Telefondienste, Arbeiten an der Kasse und Taschengeldauszahlungen an die Bewohner der Einrichtung:  „Indem ich mit Leuten zu tun hatte, die an den Rand der Gesellschaft gelangt sind, habe ich auch viel fürs Leben gelernt und bin mir natürlich auch bewusster geworden, dass es Menschen gibt, die noch viel größere Probleme haben, als ich sie während meiner Arbeitslosigkeit hatte“, zeigt sie sich bis heute froh, in die Caritaseinrichtung gekommen zu sein. „Elfriede Steindle hat eine hohe Identifikation mit unserer Einrichtung, die über die übliche Verwaltungstätigkeit hinausgeht. Es gehört schon etwas dazu, wie sie auch gut und freundlich mit Menschen umzugehen, die zum Beispiel wohnungslos, suchtkrank und psychisch krank geworden sind“, würdigt der heutige Leiter der Caritas-Wohnheime und Werkstätten, Michael  Rinnagl, ihr Engagement – und bedauert schon ein wenig, sie in Kürze nicht mehr als Angestellte zu haben. Elfriede Steindle selbst kann sich durchaus vorstellen, nach einer Verschnaufpause zu Beginn des Ruhestandes, sozial ehrenamtlich aktiv zu werden.

Für Rinnagl zeigt ihr Beispiel, wie wichtig öffentlich geförderte Angebote auf dem sogenannten zweiten Arbeitsmarkt sind. Nach der Vereinbarung mit dem Arbeitsamt, der heutigen Arbeitsagentur Ingolstadt, vor 30 Jahren ermöglichte die Caritaseinrichtung solche in vielfältigen Bereichen: vom Garten- und Landschaftsbau über die Großküche und Elektronikdemonatage bis zur Beschäftigungsgesellschaft Prodie, einer Tochter der Caritaseinrichtung, in der Menschen unter anderem für Wohnungsauflösungen geförderte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze erhalten.

Kritik: Sinnvolle Beschäftigung eingeschränkt

In ABM haben die Caritas-Wohnheime und Werkstätten nach Rinnagls Angaben bis zur Arbeitsmarktreform im Jahr 2005 jährlich rund 30 Kräfte beschäftigt. Anschließend erhielten viele durch Arbeitsangelegenheiten – bekannt als „Ein-Eurojobs“ – Chancen. „Zu Beginn hatten wir in diesem Bereich um die 80 Plätze“, informiert Rinnagl und bedauert, „dass derzeit nur noch 35 allein im Caritas-Markt in Gaimersheim tätig sind, weil die Politik die Voraussetzungen für dieses Arbeitsmarktinstrument mit der zusätzlichen Anforderung, dass solche Arbeitsgelegenheiten ‚wettbewerbsneutral‘ sein müssen, verschärft hat“. Leidtragende seien Menschen, die dadurch keine Arbeitschance mehr bekommen, wie Elfriede Steindle diese zum Beispiel bekam. Selbst wenn langzeitarbeitslose Menschen durch die öffentlich geförderte Beschäftigung nicht wie diese Frau den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt schaffen, macht sie aus Sicht des Caritas-Einrichtungsleiters Sinn: „Die Menschen erhalten durch die Maßnahmen sinnvolle Beschäftigung und damit wieder ein Gefühl, gebraucht zu werden, Selbstvertrauen, soziale Kontakt und so auch ein gutes Stück Lebenssinn“, beobachten er und seine Mitarbeitende immer wieder. „Es ist bedauerlich, dass gerade Menschen mit ‚multiplen Lebenslagen“ nun weniger gefördert werden“, so der Caritasverantwortliche. Teilhabe, die in anderen sozialen Bereichen immer größer geschrieben werde, „ist für sie leider beschnitten worden“, kritisiert Rinnagl.

Elfriede Steindle an ihrem Arbeitsplatz wenige Wochen vor ihrem Eintritt in den Ruhestand. Aus der ersten ABM-Kraft in den Caritas-Wohnheimen und Werkstätten wurde eine angesehene Verwaltungsmitarbeiterin. Foto: Caritas/Esser

 

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